Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, 1834
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Wir können vielleicht (…) Abfall von der eignen Lehre erklären (…) als eine Folge jenes Naturgesetzes, daß derjenige, der an das Aussprechen oder an die Ausführung eines Gedankens alle seine Kräfte hingegeben, nachher (…) erschöpft dahinsinkt (…) entweder in die Arme des Todes oder in die Arme seiner ehemaligen Gegner. Nach solcher Erklärung begreifen wir vielleicht, warum Männer, die für ihre Meinung alles geopfert, die dafür gekämpft und gelitten, endlich wenn sie gesiegt hat, diese Meinung verlassen und ins feindliche Lager hinübertreten! (Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, Drittes Buch)
Comparable to Hegel, Nietzsche and Heidegger in their various ways, McLuhan proposed that a certain mode of perception and thinking — “the Gutenberg galaxy” in McLuhan’s case — prevented a fitting apprehension of what Plato and Aristotle had come to understand in the 4th century BC about the nature (actually natures) of human being. The charge was that theoreticians and artists for more than two millennia, without necessarily referencing the great Greek thinkers, had mis-taken human being, including their own human being, in ways which amounted to a forgetting or otherwise ignoring of what Plato and Aristotle had already not only
dis-covered but ingeniously articulated.
But exactly how did this happen? Not in those numberless instances where no thought was given to such matters, but in the many cases of men and women of genius whose insight knowingly or unknowingly did indeed revert, at least in part, to the great Greeks? Why and how were such thinkers unable fully to understand and further transmit what had already been wonderfully achieved? Where and how did they, almost inevitably, go wrong?
How did this inevitability — “the Gutenberg galaxy” — function in detail?
On the one hand it would seem that all thinking of a certain depth tended naturally in the direction of Plato’s dis-coveries. The domain of the psychical universe (as opposed to the physical universe), segmented itself in a way that appears over and over again — indeed, even before Plato in mythological form. On the other hand, the difficulties of maintaining, analyzing and applying this categorization — of communicating it in theory and ongoing investigation — seem insuperable. The millennia since Plato reveal a repeated record of such failure.
It is doubtless necessary to examine multiple individual cases to see if they follow a shared pattern or patterns of breakdown. Here Heine’s 1834 Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (On the History of Religion and Philosophy in Germany) will be examined with these questions in mind.
In this post, the key passages from Heine’s History are given in their textual order. In following posts these same passages will be reordered to reveal both Heine’s great insights and his inability to sustain them.
Erstes Buch
Denn das Christentum ist eine Idee, und als solche unzerstörbar und unsterblich, wie jede Idee.
Was ist aber diese Idee [des Christentums]? Eben weil man diese Idee noch nicht klar begriffen und Äußerlichkeiten für die Hauptsache gehalten hat, gibt es noch keine [eigentliche] Geschichte des Christentums.
Zwei entgegengesetzte Parteien schreiben die Kirchengeschichte und widersprechen sich beständig, doch die eine, ebenso wenig wie die andere, wird jemals bestimmt aussagen, was eigentlich jene Idee ist, die dem Christentum als Mittelpunkt dient…
Wie sich diese Idee historisch gebildet und in der Erscheinungswelt manifestiert…1
Die Lehre von den beiden Prinzipien, dem guten und dem bösen, die sich bekämpfen, ist beiden eigen.
Einst, wenn die Menschheit ihre völlige Gesundheit wieder erlangt, wenn der Friede zwischen Leib und Seele wieder hergestellt, und sie wieder in ursprünglicher Harmonie sich durchdringen; dann wird man den künstlichen Hader (…) zwischen beiden (…) kaum begreifen können.
Denn ich glaube an den Fortschritt, ich glaube, die Menschheit ist zur Glückseligkeit bestimmt (…) Schon hier auf Erden möchte ich, durch die Segnungen freier politischer und industrieller Institutionen jene Seligkeit etablieren, die, nach der Meinung der Frommen, erst am jüngsten Tage, im Himmel, stattfinden soll; [aber] jenes ist vielleicht ebenso wie dieses eine törigte Hoffnung.
Schriftsteller (…) in großem Irrtume sind, wenn sie annehmen, der Volksglauben sei während des Mittelalters überall in Europa derselbe gewesen.
Luther (…) die letzten Gründe der katholischen Kirche gar nicht begriffen hat. Denn Luther hatte nicht begriffen, daß (…) der Katholizismus gleichsam ein Konkordat war zwischen Gott und dem Teufel, d. h. zwischen dem Geist und der Materie…
Spiritualismus und Sensualismus (…) diese Worte beziehen sich aber hier nicht, wie bei den französischen Philosophen, auf die zwei verschiedenen Quellen unserer Erkenntnisse, ich gebrauche sie vielmehr (…) zur Bezeichnung jener beiden verschiedenen Denkweisen, wovon die eine den Geist dadurch verherrlichen will, daß sie die Materie zu zerstören strebt, während die andere die natürlichen Rechte der Materie gegen die Usurpationen des Geistes zu vindizieren sucht.
Aber die Gründe waren dort [Deutschland] ganz andere als hier [Frankreich], und ganz entgegengesetzte. Der Kampf gegen den Katholizismus in Deutschland, war nichts anders als ein Krieg, den der Spiritualismus begann (…) Der Kampf gegen den Katholizismus in Frankreich (…) war hingegen ein Krieg, den der Sensualismus begann…
sobald der Spiritualismus in das alte Kirchengebäude Bresche geschossen, stürzte der Sensualismus hervor mit all seiner langverhaltenen Glut
in seinem [Luthers] Charakter alle Tugenden und Fehler der Deutschen aufs Großartigste vereinigt sind (…) Dann hatte er auch Eigenschaften, die wir selten vereinigt finden, und die wir gewöhnlich sogar als feindliche Gegensätze antreffen.
Seine [Luthers] Gedanken hatten nicht bloß Flügel, sondern auch Hände
Er war ein kompletter Mensch, ich möchte sagen ein absoluter Mensch, in welchem Geist und Materie nicht getrennt sind. Ihn einen Spiritualisten nennen, wäre daher eben so irrig, als nennte man ihn einen Sensualisten. Wie soll ich sagen, er hatte etwas Ursprüngliches, Unbegreifliches, Mirakulöses, wie wir es bei allen providentiellen Männern finden, etwas schauerlich Naives, etwas tölpelhaft Kluges, etwas erhaben Borniertes, etwas unbezwingbar Dämonisches.
Luthers Vater war Bergmann zu Mansfeld, und da war der Knabe oft bei ihm in der unterirdischen Werkstatt, wo die mächtigen Metalle wachsen und die starken Urquellen rieseln, und das junge Herz hatte vielleicht unbewußt die geheimsten Naturkräfte in sich eingesogen, oder wurde gar gefeit von den Berggeistern. Daher mag auch so viel Erdstoff, so viel Leidenschaftschlacke, an ihm kleben geblieben sein.
Jetzt aber, seit Luther, machte man gar keine Distinktion mehr zwischen theologischer und philosophischer Wahrheit…
[Übersetzung ist] die wundersame Kraft, aus einer toten Sprache, die gleichsam schon begraben war, in eine andere Sprache zu übersetzen, die noch gar nicht lebte.2
Seine Ausdrücke und Bilder gleichen dann jenen riesenhaften Steinfiguren, die wir in indischen oder ägyptischen Tempelgrotten finden, und deren grelles Kolorit und abenteuerliche Häßlichkeit uns zugleich abstößt und anzieht.
die deutsche Literatur die vor Luther blühte, so finden wir, [daß] ihr Material, ihr Stoff, ist, wie das Leben des Mittelalters selbst, eine Mischung zweier heterogener Elemente, die in einem langen Zweikampf sich so gewaltig umschlungen, daß sie am Ende in einander verschmolzen.
In diesem parabolischen Geist wurden nun auch alle Künste im Mittelalter behandelt, und diese Behandlung ist romantisch. Daher in der Poesie des Mittelalters jene mystische Allgemeinheit; die Gestalten sind so schattenhaft, was sie tun ist so unbestimmt, alles ist darin so dämmernd, wie von wechselndem Mondlicht beleuchtet; die Idee ist in der Form [der sinnlichen Erscheinung] nur wie ein Rätsel angedeutet; und wir sehen hier eine vage Form, wie sie eben zu einer spiritualistischen Literatur geeignet war. Da ist nicht wie bei den Griechen eine sonnenklare Harmonie zwischen Form [der sinnlichen Erscheinung] und Idee; sondern, manchmal überragt die Idee die gegebene Form, und (…) manchmal ist die Form ganz der Idee über den Kopf gewachsen,
gleich den Griechen, eine Harmonie der Form und der Idee erreichen…
Der allgemeine Charakter der modernen Literatur besteht darin, daß jetzt die Individualität und die Skepsis vorherrschen. (…) Die Poesie ist jetzt nicht mehr objektiv, episch und naiv, sondern subjektiv, lyrisch und reflektierend.
Zweites Buch
jetzt haben wir von der philosophischen Revolution zu sprechen, die (,,,) eben nichts anderes ist wie die letzte Konsequenz des Protestantismus.
Ihm [Descartes] gebührt die Ehre, die Autonomie der Philosophie gestiftet zu haben (…) als selbständige Wissenschaft (…) Ich sage nicht, derselben [Religion] entgegensetzen, denn es galt damals der Grundsatz: die Wahrheiten, wozu wir durch die Philosophie gelangen, sind am Ende dieselben, welche uns auch die Religion überliefert.
Die Scholastiker (…) sagten Ein mal Ein ist Eins (…) das ist wieder ein Irrtum der menschlichen Vernunft, die immer irrt wenn sie mit den Beschlüssen der ökumenischen Konzilien in Widerspruch gerät; [nach ihnen] Ein mal Eins ist Drei, und das ist die wahre Wahrheit, wie uns längst offenbart worden, im Namen des Vaters, des Sohns und des heiligen Geistes!
Ich spreche hier vom Idealismus und vom Materialismus. (…) Seit den ältesten Zeiten gibt es zwei entgegengesetzte Ansichten über die Natur des menschlichen Denkens, d. h. über die letzten Gründe der geistigen Erkenntnis, über die Entstehung der Ideen. Die einen behaupten, wir erlangen unsere Ideen nur von Außen, unser Geist sei nur ein leeres Behältnis, worin die von den Sinnen eingeschluckten Anschauungen sich verarbeiten, ungefähr wie die genossenen Speisen in unserem Magen. Um ein besseres Bild zu gebrauchen, diese Leute betrachten unseren Geist wie eine Tabula rasa worauf später die Erfahrung täglich etwas Neues schreibt, nach bestimmten Schreibregeln. Die anderen, die entgegengesetzter Ansicht, behaupten: die Ideen sind dem Menschen angeboren, der menschliche Geist ist der Ursitz der Ideen, und die Außenwelt, die Erfahrung, und die vermittlenden Sinne bringen uns nur zur Erkenntnis dessen, was schon vorher in unserem Geiste war, sie wecken dort nur die schlafenden Ideen. Die erstere Ansicht hat man nun den Sensualismus, manchmal auch den Empirismus genannt; die andere nannte man den Spiritualismus, manchmal auch den Rationalismus.
Den Namen Spiritualismus überlassen wir daher jener frevelhaften Anmaßung des Geistes, der nach alleiniger Verherrlichung strebend, die Materie zu zertreten, wenigstens zu fletrieren sucht; und den Namen Sensualismus überlassen wir jener Opposition, die, dagegen eifernd, ein Rehabilitieren der Materie bezweckt und den Sinnen ihre Rechte vindiziert
über die Natur unserer Erkenntnisse gebe ich lieber die Namen Idealismus und Materialismus; und ich bezeichne mit dem ersteren die Lehre von den angeborenen Ideen, von den Ideen a priori, und mit dem anderen Namen bezeichne ich die Lehre von der Geisteserkenntnis durch die Erfahrung, durch die Sinne, die Lehre von den Ideen a posteriori.
Er (Leibniz) weckte die Geister und lenkte sie in neue Bahne.
Leibniz (…) von seiner harmonischen Höhe konnte er sehr gut das ganze Christentum verteidigen. Ich sage das ganze Christentum, denn er verteidigte es gegen das halbe Christentum. Er zeigte die Konsequenz der Orthodoxen im Gegensatze zur Halbheit ihrer Gegner.
Und dann stand er [Leibniz] auf jenem Indifferenzpunkte, wo die verschiedensten Systeme nur verschiedene Seiten derselben Wahrheit sind.3 Diesen Indifferenzpunkt hat späterhin auch Herr Schelling erkannt, und Hegel hat ihn wissenschaftlich begründet, als ein System der Systeme. In gleicher Weise beschäftigte sich Leibniz mit einer Harmonie zwischen Plato und Aristoteles. Auch in der späteren Zeit ist diese Aufgabe oft genug bei uns vorgekommen. Ist sie gelöst worden? Nein, wahrhaftig nein! Denn diese Aufgabe ist eben nichts anders als eine Schlichtung des Kampfes zwischen Idealismus und Materialismus.4
Plato ist durchaus Idealist und kennt nur angebotene oder vielmehr mitgeborene Ideen: der Mensch bringt die Ideen mit zur Welt, und wenn er derselben bewußt wird, so kommen sie ihm vor wie Erinnerungen aus einem früheren Dasein. Daher auch das Vage und Mystische des Plato (…) Bei Aristoteles hingegen ist alles klar, alles deutlich, alles sicher; denn seine Erkenntnisse offenbaren sich nicht in ihm mit vorweltlichen Beziehungen, sondern er schöpft alles aus der Erfahrung.
Plato und Aristoteles! Das sind nicht bloß die zwei Systeme, sondern auch die Typen zweier verschiedenen Menschennaturen, die sich, seit undenklicher Zeit, unter allen Kostümen, mehr oder minder feindselig entgegenstehen. (…) Von Plato und Aristoteles ist immer die Rede, wenn auch unter anderem Namen.
dieser Kampf ist der wesentlichste Inhalt der christlichen Kirchengeschichte. (…) Die Kirche umschließt endlich beide Naturen (…) In der protestantischen Kirche zeigt sich derselbe Kampf, und das ist der Zwiespalt zwischen Pietisten und Orthodoxen, die den katholischen Mystikern und Dogmatikern in einer gewissen Weise entsprechen.
die Philosophen mehr oder minder miteinander verwandt sind (…) Die Philosophie des Spinoza, des dritten Sohnes des René Descartes (…) ist von dem Materialismus seines Bruders Locke eben so sehr entfernt wie von dem Idealismus seines Bruders Leibniz.
Benedikt Spinoza lehrt: Es gibt nur eine Substanz, das ist Gott. Diese eine Substanz ist unendlich, sie ist absolut. Alle endliche Substanzen derivieren von ihr, sind in ihr enthalten, tauchen in ihr auf, tauchen in ihr unter, sie haben nur relative, vorübergehende, akzidentielle Existenz. Die absolute Substanz offenbart sich uns sowohl unter der Form des unendlichen Denkens, als auch unter der Form der unendlichen Ausdehnung. Beides, das unendliche Denken und die unendliche Ausdehnung sind die zwei Attribute der absoluten Substanz. (…) dann ist ja doch am Ende alles, was wir Attribute Gottes nennen, nur eine verschiedene Form unserer Anschauung (…) Der Gedanke ist am Ende nur die unsichtbare Ausdehnung, und die Ausdehnung ist nur der sichtbare Gedanke. Beides, das unendliche Denken und die unendliche Ausdehnung sind die zwei Attribute der absoluten Substanz.5
Die neuere Naturphilosophie hat bloß das Verdienst, daß sie den ewigen Parallelismus, der zwischen dem Geiste und der Materie herrscht, aufs scharfsinnigste nachgewiesen. Ich sage Geist und Materie, und diese Ausdrücke brauche ich als gleichbedeutend für das, was Spinoza Gedanken und Ausdehnung nennt. Gewissermaßen gleichbedeutend ist auch das, was unsere Naturphilosophen Geist und Natur, oder das Ideale und das Reale, nennen.
Alle endliche Dinge sind in Gott enthalten, der menschliche Geist ist nur ein Lichtstrahl des unendlichen Denkens, der menschliche Leib ist nur ein Atom der unendlichen Ausdehnung; Gott ist die unendliche Ursache beider, der Geister und der Leiber, natura naturans.
ist ja doch am Ende alles, was wir Attribute Gottes nennen, nur eine verschiedene Form unserer Anschauung, und diese verschiedenen Formen sind identisch in der absoluten Substanz.
»Gott«, welcher von Spinoza die eine Substanz und von den deutschen Philosophen das Absolute genannt wird, »ist alles was da ist«, er ist sowohl Materie wie Geist, beides ist gleich göttlich.
Der Versuch die Idee des Christentums zur Ausführung zu bringen, ist jedoch, wie wir endlich sehen, aufs kläglichste verunglückt, und dieser unglückliche Versuch hat der Menschheit Opfer gekostet, die unberechenbar sind, und trübselige Folge derselben ist unser jetziges soziales Unwohlsein in ganz Europa.
das gehaßte Schwert und das verachtete Geld erringen dennoch am Ende die Obergewalt und die Repräsentanten des Geistes müssen sich mit ihnen verständigen. Ja, aus diesem Verständnis ist sogar eine solidarische Allianz geworden (…) Aber durch diese Verbündung geht die Religion des Spiritualismus desto schneller zugrunde
jener verderblichen Allianz…
Der nächste Zweck aller unseren neuen Institutionen ist solchermaßen die Rehabilitation der Materie, die Wiedereinsetzung derselben in ihre Würde, ihre moralische Anerkennung, ihre religiöse Heiligung, ihre Versöhnung mit dem Geiste. Purusa wird wieder vermählt mit Prakriti. Durch ihre gewaltsame Trennung, wie in der indischen Mythe so sinnreich dargestellt wird, entstand die große Weltzerrissenheit, das Übel.
jedes Volk vielleicht hat die Sendung einen bestimmten Teil jenes GottWelt-Alls zu erkennen und kundzugeben, eine Reihe von Erscheinungen zu begreifen und eine Reihe von Ideen zur Erscheinung zu bringen, und das Resultat den nachfolgenden Völkern, denen eine ähnliche Sendung obliegt, zu überliefern.6
die Einheit einer Lehre begriff er [Christian Wolff] nur unter der Form der Vollständigkeit
Die zwei Parteien, die wir, im katholischen Gewande, während dem ganzen Mittelalter kämpfen sahen, die platonische und die aristotelische, haben nur Kostüme wechselt [in den Streitigkeiten der protestantischen Theologen], und befehden sich nach wie vor. Das sind die Pietisten und die Orthodoxen (…) Mystiker ohne Phantasie und Dogmatiker ohne Geist (…) Pietisten und ihre Streitigkeiten mit den protestantischen Rationalisten…
Ich bin also für die protestantische Kirche noch immer parteiisch
das Tiefste, das Wesentlichste, das in ihnen ist, den Gedanken
Das mathematische, demonstrative Gewand, womit Wolff die arme Religion recht liebevoll eingekleidet hatte
Der deutsche Panglos hat aber, durch die Vernichtung des Optimismus, sehr viel verloren und suchte lange nach einer ähnlichen Trostlehre, bis das Hegelsche Wort »alles was ist, ist vernünftig!« ihm einigen Ersatz bot.
Von dem Augenblick an wo eine Religion bei der Philosophie Hülfe begehrt, ist ihr Untergang unabwendlich. Sie sucht sich zu verteidigen und schwatzt sich immer tiefer ins Verderben hinein. Die Religion, wie jeder Absolutismus, darf sich nicht justifizieren.
Aber das ist eben unser Triumph: wir haben unsere Gegner zum Sprechen gebracht und sie müssen uns Rede stehn.
Seitdem (…) die Religion Hülfe suchte bei der Philosophie (…) wurde der Versuch gemacht, allen historischen Inhalt aus dem Christentume herauszunehmen und nur den moralischen Teil zu bewahren. Hierdurch ward nun das Christentum zu einem reinen Deismus. Christus hörte auf Mitregent Gottes zu sein, er wurde gleichsam mediatisiert, und nur noch als Privatperson fand er anerkennende Verehrung. Seinen moralischen Charakter lobte man über alle Maßen. Man konnte nicht genug rühmen welch ein braver Mensch er gewesen sei. Was die Wunder betrifft, die er verrichtet, so erklärte man sie physikalisch, oder man suchte so wenig Aufhebens als möglich davon zu machen. Wunder, sagten einige, waren nötig in jenen Zeiten des Aberglaubens, und ein vernünftiger Mann, der irgend eine Wahrheit zu verkündigen hatte, bediente sich ihrer gleichsam als Annonce.
Denker (…) die mehr oder minder in Gemeinschaft mit Nicolai zu Berlin tätig waren und gleichsam ein Justemilieu zwischen Philosophie und Belletristik bildeten.
streng gegen sich selbst, milde gegen andere
Man bringt die Sakramente einem sterbenden Gotte.
Drittes Buch
Diesen beiden Gestalten [von Mechanismus und Seele] begegnen wir nun in allen Ländern, und nur wer ihr besonderes Verhältnis kennt, begreift ihre sonderbare Hast und ihren ängstlichen Mißmut.
Der Gedanke, den wir gedacht (…) läßt uns keine Ruhe, bis wir ihm seinen Leib gegeben, bis wir ihn zur sinnlichen Erscheinung gefördert. Der Gedanke will Tat, das Wort will Fleisch werden. (…) Die Welt [der sinnlichen Erscheinung] ist die Signatur des Wortes.
Ihr seid nichts als unbewußte Handlanger der Gedankenmänner, die oft in demütigster Stille Euch all Euer Tun aufs Bestimmteste vorgezeichnet haben.7
schon eine exorzierende Macht ausübt, ich spreche von Immanuel Kant!
er kleidete seine Gedanken in eine hofmännisch abgekältete Kanzeleisprache
was man Definitionen in der Philosophie nenne, werde nur versuchsweise, hypothetisch, vorangestellt; die eigentlich richtige Definition erscheine nur am Ende als Resultat.
Kant bewies uns, daß wir von den Dingen wie sie an und für sich selber sind, nichts wissen, sondern daß wir nur insofern etwas von ihnen wissen, als sie sich in unserem Geiste reflektieren8
Kant (…) lenkte die Forschung zurück in den menschlichen Geist und untersuchte, was sich da kundgab.
Kant bewies uns, daß wir von den Dingen wie sie an und für sich selber sind, nichts wissen, sondern daß wir nur insofern etwas von ihnen wissen, als sie sich in unserem Geiste reflektieren. Da sind wir nun ganz wie die Gefangenen, wovon Plato, im siebenten Buche vom »Staate«, so Betrübsames erzählt: Diese Unglücklichen, gefesselt an Hals und Schenkeln, so daß sie sich mit dem Kopfe nicht herumdrehen können, sitzen in einem Kerker, der oben offen ist, und von obenher erhalten sie einiges Licht. Dieses Licht aber kömmt von einem Feuer, welches hinter ihnen oben brennt, und zwar noch getrennt von ihnen durch eine kleine Mauer. Längs dieser Mauer wandeln Menschen, welche allerlei Statuen, Holz- und Steinbilder, vorübertragen und miteinander sprechen. Die armen Gefangenen können nun von diesen Menschen, welche nicht so hoch wie die Mauer, gar nichts sehen und von den vorbeigetragenen Statuen, die über die Mauer hervorragen, sehen sie nur die Schatten, welche sich an der ihnen gegenüberstehenden Wand dahinbewegen; und sie halten nun diese Schatten für die wirklichen Dinge und getäuscht durch das Echo ihres Kerkers, glauben sie, es seien diese Schatten, welche miteinander sprechen.
Früher [vor Kopernikus] lief die Vernunft, gleich der Sonne, um die Erscheinungswelt herum und suchte sie zu beleuchten; Kant aber läßt die Vernunft, die Sonne, stillstehen, und die Erscheinungswelt dreht sich um sie herum und wird beleuchtet, je nachdem sie in den Bereich dieser Sonne kömmt.
daß ich denjenigen Abschnitt seines [Kants] Buches, worin er die sogenannten Phänomena und Noumena abhandelt, für den wichtigsten Teil, für den Mittelpunkt seiner Philosophie, halte.
ein irländischer Bull in der Philosophie.
Diese [Kants erste Kritik] betrübende Todesnachricht [von Gott] bedarf vielleicht einiger Jahrhunderte, ehe sie sich allgemein verbreitet hat – wir aber haben längst Trauer angelegt. De profundis!
Der schönen Literatur und den schönen Künsten wurde diese kantesche Philosophie, wegen ihrer abstrakten Trockenheit, sehr schädlich. Zum Glück mischte sie sich nicht in die Kochkunst.
Kant hat also nicht (…) die Dinge unterschieden in Phänomena und Noumena, in Dinge, welche für uns existieren, und in Dinge, welche für uns nicht existieren. Dieses wäre ein irländischer Bull in der Philosophie. Er hat nur einen Grenzbegriff geben wollen.
eine so sonderbare Angst, eine so unheimliche Beklemmung, wie ich sie einst in London zu New-Bedlam empfand, als ich, umgeben von lauter Wahnsinnigen, meinen Führer aus den Augen verlor.
»Gott ist alles was da ist«, und Zweifel an ihm ist Zweifel an das Leben selbst, es ist der Tod.
das Nachdenken über die Natur Gottes (…) ist ein wahrhafter Gottesdienst, unser Gemüt wird dadurch abgezogen vom Vergänglichen und Endlichen, und gelangt zum Bewußtsein der Urgüte und der ewigen Harmonie
»Kritik der reinen Vernunft« ist gleichsam das anatomische Theater des Geistes. Er selber bleibt dabei kalt, gefühllos, wie ein echter Wundarzt.
Ich berühre hier überhaupt die komische Seite unserer Philosophen. Sie klagen beständig über Nichtverstandenwerden. Als Hegel auf dem Totbette lag, sagte er: »nur Einer hat mich verstanden«, aber gleich darauf fügte er verdrießlich hinzu: »und der hat mich auch nicht verstanden«.
Die Aufgabe, welche sich Fichte stellt, ist: welche Gründe haben wir anzunehmen, daß unseren Vorstellungen von Dingen auch Dinge außer uns entsprechen? Und dieser Frage gibt er die Lösung: alle Dinge haben Realität nur in unserem Geiste.9
Bei Fichte ist noch die besondere Schwierigkeit, daß er dem Geiste zumutet sich selber zu beobachten, während er tätig ist. Das Ich soll über seine intellektuelle Handlungen Betrachtungen anstellen, während es sie ausführt. (…) Denn er meinte: die wahre Kochkunst besteht nicht darin, daß man bloß objektiv kocht, sondern auch subjektiv des Kochens bewußt wird.
der [Fichtesche] Idealismus in seiner konsequenten Durchführung am Ende gar die Realität der Materie leugnete
Napoleon und Fichte repräsentieren das große unerbittliche Ich, bei welchem Gedanke und Tat eins sind, und die kolossalen Gebäude, welche beide zu konstruieren wissen, zeugen von einem kolossalen Willen. Aber durch die Schrankenlosigkeit dieses Willens gehen jene Gebäude gleich wieder zugrunde, und die Wissenschaftslehre, wie das Kaiserreich, zerfallen und verschwinden ebenso schnell wie sie entstanden.
Sein [Fichtes] ganzes Leben war ein beständiger Kampf…
Jena und Weimar (…) waren damals der Mittelpunkt des deutschen Geisterlebens…
Existieren ein sinnlicher Begriff und nur als sinnlicher möglich ist! Die Wissenschaftslehre, sagt er [Fichte], kennt kein anderes Sein als das sinnliche, und da nur den Gegenständen der Erfahrung ein Sein zugeschrieben werden kann.
Der Fichtesche Idealismus gehört zu den kolossalsten Irrtümern, die jemals der menschliche Geist ausgeheckt. Er ist gottloser und verdammlicher als der plumpste Materialismus. (…) Beide Ansichten sind auch antipoetisch. Die französischen Materialisten haben eben so schlechte Verse gemacht, wie die deutschen Transzendentalidealisten.
Ganz richtig sagte er, die Frage, ob eine Philosophie atheistisch sei oder nicht? klinge einem Philosophen ebenso wunderlich, wie etwa einem Mathematiker die Frage: ob ein Dreieck grün oder rot sei?
In der Wissenschaftslehre (…) hat Fichte durch intellektuelle Konstruktion aus dem Idealen das Reale konstruieren wollen. Herr Joseph Schelling hat aber die Sache umgekehrt: er suchte aus dem Realen das Ideale herauszudeuten. Um mich noch klarer auszudrücken: von dem Grundsatze ausgehend, daß der Gedanke und die Natur eins und dasselbe seien, gelangt Fichte durch Geistesoperation zur Erscheinungswelt, aus dem Gedanken schafft er die Natur, aus dem Idealen das Reale; dem Herren Schelling hingegen, während er von demselben Grundsatze ausgeht, wird die Erscheinungswelt zu lauter Ideen, die Natur wird ihm zum Gedanken, das Reale zum Idealen. Beide Richtungen, die von Fichte und die von Herren Schelling ergänzen sich daher gewissermaßen. Denn nach jenem erwähnten obersten Grundsatze konnte die Philosophie in zwei Teile zerfallen, und in dem einen Teile würde man zeigen: wie aus der Idee die Natur zur Erscheinung kommt; in dem anderen Teil würde man zeigen: wie die Natur sich in lauter Ideen auflöst. Die Philosophie konnte daher zerfallen in transzendentalen Idealismus und in Naturphilosophie. Diese beiden Richtungen hat nun auch Herr Schelling wirklich anerkannt, und die letztere verfolgte er in seinen »Ideen zu einer Philosophie der Natur« und erstere in seinem »System des transzendentalen Idealismus«.
Die Philosophie hat wieder einen großen Kreislauf vollendet, und man kann sagen, es sei derselbe, den sie schon vor zweitausend Jahren in Griechenland durchlaufen. (…) Aber wir haben etwas voraus vor den Griechen, so wie auch vor den cartesianischen Schulen, wir haben etwas vor ihnen voraus, nämlich: Wir begannen unseren philosophischen Kreislauf mit einer Prüfung der menschlichen Erkenntnisquellen, mit der »Kritik der reinen Vernunft« unseres Immanuel Kant.
im Jahr 1801, im zweiten Bande der »Zeitschrift für spekulative Physik« (…) ist Gott die absolute Identität der Natur und des Denkens, der Materie und des Geistes, und die absolute Identität ist nicht Ursache des Welt-Alls, sondern sie ist das Welt-All selbst.
die ganze Welt der Erscheinungen
Anno 1804 erschien der Gott des Herren Schelling endlich ganz fertig in einer Schrift, betitelt: »Philosophie und Religion«. Hier finden wir in ihrer Vollständigkeit die Lehre vom Absoluten. Hier wird das Absolute in drei Formeln ausgedrückt. Die erste ist die kategorische: das Absolute ist weder das Ideale noch das Reale (weder Geist noch Materie), sondern es ist die Identität beider. Die zweite Formel ist die hypothetische: wenn ein Subjekt und ein Objekt vorhanden ist, so ist das Absolute die wesentliche Gleichheit dieser beiden. Die dritte Formel ist die disjunktive: es ist nur Ein Sein, aber dies Eine kann zu gleicher Zeit, oder abwechselnd, als ganz ideal oder als ganz real betrachtet werden. (…) Aber Herr Schelling verläßt jetzt den philosophischen Weg, und sucht durch eine Art mystischer Intuition zur Anschauung des Absoluten selbst zu gelangen, er sucht es anzuschauen in seinem Mittelpunkt, in seiner Wesenheit, wo es weder etwas Ideales ist noch etwas Reales, weder Gedanken noch Ausdehnung, weder Subjekt noch Objekt, weder Geist noch Materie, sondern … was weiß ich!
Farben hören und Töne sehen, bis sich das Absolute ihnen veranschaulicht.
Es ist keine Frage, daß er [Hegel] Kant und Fichte weit überragt. Er ist scharf wie jener und kräftig wie dieser und hat dabei noch einen konstituierenden Seelenfrieden, eine Gedankenharmonie, die wir bei Kant und Fichte nicht finden, da in diesen mehr der revolutionäre Geist waltet.
warum Männer, die für ihre Meinung alles geopfert, die dafür gekämpft und gelitten, endlich wenn sie gesiegt hat, diese Meinung verlassen und ins feindliche Lager hinübertreten! (…) Abfall von der eigenen Philosophie…
die nicht kämpft um zu zernichten, noch um zu siegen, sondern bloß um zu kämpfen.
- Heine is speaking here specifically of the “die Idee des Christentums” and says that “wie sich diese Idee historisch gebildet und in der Erscheinungswelt manifestiert, ließe sich wohl schon in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt entdecken”. On the one hand there is the idea, which is “unzerstörbar und unsterblich, wie jede Idee”; on the other there is its ‘historisch’ or ‘Erscheinungswelt’ manifestation. The great question is the relation between these times of idea and its manifestation — a relation which doubtless has a third time of its own. With Heine, as with modern thought generally, the tendency is to collapse this two- or threefold plurality into a singularity. As Heine says of himself later in his history:: “Denn ich glaube an den Fortschritt”. ↩
- Zweites Buch: “Er (Leibniz) weckte die Geister und lenkte sie in neue Bahne”; Zweites Buch: “Kant eine neue Bahn betritt”; Drittes Buch: “gleich Siegfried, dem Nibelungenheld, der plötzlich die Sprache der Vögel verstand”. ↩
- Here truth is positively compared to a coin with two sides. This is the positive opposite take from Lessing in Nathan der Weise: “als ob die Wahrheit Münze wäre!” (3.6) ↩
- Compare Heidegger’s Sein und Zeit, #83: “Der Streit bezüglich der Interpretation des Seins kann nicht geschlichtet werden, weil er noch nicht einmal entfacht ist.” ↩
- The question is not whether Heine’s description is true of Spinoza, but whether in speaking of Spinoza he is setting out an essential aspect of psychical science. The atom of this science is the varied relation of ‘particles’ which can be named variously (“unter allen Kostümen”) such as ‘space’ and ‘thought’ (Ausdehnung und Denken). The myriad relations of these atoms constitute the universe of psychical manifestation: “Diese eine Substanz ist unendlich, sie ist absolut. Alle endliche Substanzen derivieren von ihr, sind in ihr enthalten, tauchen in ihr auf, tauchen in ihr unter, sie haben nur relative, vorübergehende, akzidentielle Existenz.” ↩
- Compare the individual elements within their totality in Mendeleev’s table — each with its own properties. ↩
- With ‘Gedankenmänner here, Heine is thinking of great historical figures. But the thought tends ‘unbewusst’ in the direction of Freud and particularly Jung in the next century. The substitution of ‘Gedankenkammer’ for Gedankenmänner is also suggestive. ↩
- This is the domain to be investigated, not an observation about the world! ↩
- This is a fitting description of the psychical domain, not an observation or conclusion about the physical world! Category mistake. Usurpation mistake (collapse to monism) both regarding Vorstellungen and Dingen and regarding ontologies > ontology. ↩